
“Mads Brügger, hast du denn gar keine Skrupel?”, entfährt es Jacob, als er – einmal mehr – nicht glauben kann, was sein Regisseur von ihm verlangt. Nein, hat er nicht. Das wird deutlich, wenn man seinen Dokumentarfilm THE RED CHAPEL gesehen hat. Brügger reist nach Nordkorea, um bis zum „innersten Kern des Bösen“ vorzudringen, den er eben dort vermutet. Dabei wird er nicht nur vom Mangel an moralischen Bedenken unterstützt, sondern auch von Jacob Nossell und Simon Jul Jørgensen, einem dänischen Comedy-Duo, beide mit Wurzeln in Südkorea. Simon sieht eher grantig aus, hat einen kahlrasierten Schädel und unzählige Tätowierungen, Jacob ist witzig, jung und – nach eigener Aussage – ein Spastiker.
Brügger glaubt, dass Humor die Achillesverse einer jeden Diktatur sei. So will er das wahre Gesicht Nordkoreas zeigen, indem er dem Land eine Portion dänischen Humor vorsetzt: THE RED CHAPEL, die Pseudo-Comedytruppe der drei, macht sich auf nach Pjöngjang. Die Show, die sie vor einem ausgewählten Publikum aufführen wollen, ist eine buntes und ziemlich unwitziges Potpourri aus Slapstick, Stepptanz, Furzkissen und Oasis-Liedern. Natürlich hat es das Trio auch nicht auf irgendwelche Lacher abgesehen, stattdessen wollen sie die stoische Contenance der treuesten Anhänger Kim Jong-Ils erschüttern. Aber kann man überhaupt den Narren in einem Reich geben, in dem Millionen Menschen von ihrem geliebten Führer dem Hungertod überlassen werden? Ist es möglich, ein Publikum, das sein Leben lang in einer totalitären stalinistischen Diktatur lebte, mit dänischem 60er-Jahre-Humor zu überraschen? Und ist es wirklich eine gute Idee, als behinderter Komiker in einem Land aufzutreten, in dem behinderte Menschen allem Anschein nach direkt nach der Geburt ermordet oder deportiert werden?
Der Film zeigt, dass das tatsächlich möglich ist – aber es ist kein Spaß. Ab ihrer Ankunft werden die drei von ihrem eigenen kleinen geliebtem Führer, der allgegenwärtigen Mrs. Pak umsorgt. Sie ist der Aufpasser des Regimes, die „Bewahrerin der virtuellen Relaität“, wie es Brügger formuliert. Es ist eine Realität, in der die Kinder lächeln anstatt zu verhungern und in der Jacob nicht interniert, sondern mit Fürsorge überschüttet wird. Das ganze Vorhaben schwebt in ständiger Gefahr, in die Propaganda des Regimes eingebunden und zu einem Teil des obszönen Theaters Kim Jong-Ils zu werden. Eine Situation, die dem Filmteam teilweise unerträglich wird. Es ist der Off-Kommentar des Regisseurs, der den Zuschauer immer wieder daran erinnert, dass Nordkorea keine surrealistische Fantasiewelt ist, sondern dass hinter all dem falschen Lächeln eine Realität steckt. Eine Realität der Angst und voller Grausamkeit.
Jens Geiger