Nisimazine
Sonntag 3. Juni 04:57contact us | partners and links
Startseite > Interview-Portrait > Jakob Preuss (1. Dezember 2011)
Interview
[de] [en]

Jakob Preuss Regisseur The Other Chelsea

 
photo by Lucille Caballero
by Lucille Caballero

In The Other Chelsea begibt sich Jakob Preuss auf eine Reise in ein tief gespaltenes Land. Während es die westliche Hälfte der Ukraine seit der Revolution von 2004 mit der pro-europäischen orangenen Bewegung hält, orientiert sich der blaue Osten des Landes mehrheitlich in Richtung Moskau. Ganzer Stolz des Ostens ist der Fußballklub Schachtar Donezk, der 2009 den Europapokal gewinnt – während die blaue Bewegung langsam wieder an die Macht kommt.

Du warst 2004 als Wahlbeobachter in der Ukraine. Was war damals Dein Eindruck von den Unterstützern der „blauen Bewegung“ und wie hat er sich durch die Arbeit an The Other Chelsea verändert?

Als ich für die OSZE in der Ukraine war, ist mir hauptsächlich Misstrauen entgegen geschlagen. Das hat sich ein bisschen gebessert, als die Leute gemerkt haben, dass ich zum einen relativ gut russisch spreche, vor allem aber, als ihnen klar wurde haben, dass ich schon auch einige ihrer Positionen nachvollziehen kann. Zum Beispiel, dass sie gerne russisch als zweite offizielle Sprache hätten und die einseitige Haltung der EU auch nicht unbedingt meine private ist. Als ich dann wieder da war, ist mir aber auch klar geworden, wie absolut unverantwortlich die politische Führung beider großen Parteien ist.

Den Eindruck, den man in deinem Film von der politischen Kultur in der Region vermittelt bekommt, ist ja ein sehr archaischer mit einem quasi-absolutistischen Oligarchen an der Spitze…

Absolut! Das sind genau die hierarchischen Strukturen, wie man sie noch aus Sowjetzeiten kennt – nur eben jetzt mit gepaart mit einem Raubtierkapitalismus. Von einem großen Teil der Bevölkerung wird sich eine starke Hand gewünscht. Natürlich macht man am Küchentisch seine Witze über die Machthaber, aber im Endeffekt wird die Situation einfach hingenommen oder sogar begrüßt. Schließlich sind das ja erfolgreiche Manager, die werden schon wissen, was sie tun. Und es gibt die Hoffnung, dass sie sich vielleicht irgendwann genug bereichert haben und dann auch was abgeben. Aber die politische Kultur ist wirklich nur noch zum Kopfschütteln – und das im Hinblick auf beide Seiten, die blaue wie die orangene! Es gab direkt nach der Revolution die Hoffnung auf Veränderung. Aber die ganzen Menschen, die damals neu in die Politik eingestiegen sind, sind spätestens nach einem Jahr von den Oligarchen verdrängt worden oder haben aufgegeben. Ein Machtwechsel bedeutet im Endeffekt nur einen Austausch derjenigen Personen, die sich bereichern.

Im Fußball sind deine Protagonisten ja große Europäer und freuen sich über den Gewinn des Uefa-Cups, politisch gesehen orientieren sie sich aber doch hin zu Moskau. Wie kommt das?

Ja, das ist alles sehr irrational und für Außenstehende auch nicht wirklich nachvollziehbar. Ich habe den Eindruck, dass man im Herzen schon nach Europa will. Zumindest will man in einem ähnlichen Wohlstand leben. Und dafür ist dann eine glamouröse Veranstaltung wie der UEFA-Cup auch ein Symbol. Diese ganze pro-russische Rhetorik der blauen Seite ist in meinen Augen nur eine polemische Strategie. Auch die Oligarchen sind profitieren bei ihren Geschäften von einer Rechtssicherheit wie in der EU. Und Putin ist sowieso kein Freund der Führung der blauen Seite, der kam mit der pro-europäischen Timoschenko viel besser aus.

Wie wurde der Film denn in der Ukraine aufgenommen? Das erste Screening war in Kiew, dort ist der Film ziemlich eingeschlagen. Das Ganze wurde zu einer mittleren Sensation und hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Sogar der ukrainische Vizepremierminister hat sich dazu geäußert. Dann musste ich natürlich auch ganz schnell nach Donezk. Und dort hatte man auch schon von meinem „Skandalfilm“ gehört und es gab einen ziemlichen Andrang.

Woran arbeitest Du im Moment? Momentan arbeite ich im Deutschen Bundestag und nebenbei an einer DVD-Version von The Other Chelsea, mit einigem Extramaterial. Und der nächste Film ist auch in Arbeit und wird gefördert. Es wird darin um die Außengrenzen der EU gehen, auch die Ukraine wird dann natürlich wieder eine Rolle spielen.

By Jens Geiger

contact the author print this article Als PDF speichern envoyer l'article par mail post a comment other languages
 Links
Other articles
  • Edwin Participant of L’Atelier (...) [en]
 Tags


Aktivitäten verfolgen RSS 2.0 | Sitemap | Redaktion | credits & special mentions | www.nisimasa.com

Site internet: A.L, creation site internet, graphiste freelance.